Vergessen, was lieb und teuer war…

Können Sie sich vorstellen, alles zu vergessen, was Ihnen ein Leben lang lieb und teuer war? Den gewohnten Alltag und alle liebgewordenen Rituale? Alles weg! Nur manchmal, da kommen Erinnerungsfetzen an die Oberfläche. Demenz aus der Sicht eines Betroffenen – Von Antonina Siracusa.Ohne Vorwarnung und ohne Zusammenhang. Mein Leben spielt sich in der Erinnerung ab und nicht im Jetzt. Meine Gedanken, sie wirbeln herum wie Blätter an einem stürmischen Herbsttag. Mit Sicherheit gehe ich meinen eigenen Gedanken nach.

Sie sind nicht immer logisch oder nachvollziehbar, aber auch ich kann noch denken. So stehe ich während dem Essen einfach auf und verlasse den Raum, weil ich nach meiner Aktentasche suche oder mein Haar mit einem Nassrasierer oder einer Zahnbürste „kämme“. Wie das hinterher aussieht kann sich wohl jeder vorstellen. Noch lebe ich Zuhause. Aber Lotte ist am Ende ihrer Kraft.

Hätte ich meine sieben Sinne noch zusammen, könnte ich es sogar verstehen. Aber da die Demenz mein Leben und meine Gefühlswelt verändert hat, mache ich mir darüber keine Gedanken. Mein Bett steht jetzt unten im Esszimmer. Lotte hat umgeräumt, weil ich die Treppen nicht mehr hochkomme. Mitten in der Nacht stehe ich auf und wandere durch das Haus. Lotte ist jedes Mal wach und manchmal, wenn meine Nächte sehr unruhig sind, dann schläft sie auf dem Sessel neben meinem Bett. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann kann mich keiner mehr halten.

Neulich, habe ich das ganze Zimmer umgeräumt. In meiner Gedankenwelt war ich wohl bei der Arbeit oder sonst wo. Ich war nicht aufzuhalten. Lotte hat mitten in der Nacht meine Tochter angerufen. Sie hat es nicht geschafft, mich alleine wieder ins Bett zu bringen. Am Tag habe ich auch einen eigenen Rhythmus entwickelt, morgens bin ich müde und schlafe viel. Am Nachmittag werde ich umtriebig und Lotte hat keine ruhige Minute mehr. Meine Familie überlegt schon, ob es für uns beide nicht besser wäre, einen Platz in einem Pflegeheim für mich zu suchen.

Ich bekomme die Sorgen meiner Familie nicht wirklich mit. Ich spüre zwar, wenn Lotte traurig ist, aber warum, weiß ich nicht. Besuch bekommen wir auch nur noch wenig. Die Freundinnen meiner Frau kommen nicht mehr, weil ich sie anschreie, beschimpfe und aus dem Haus jage. Vor zwei Tagen bin ich gestürzt, und zog mir einen komplizierten Bruch am rechten Bein zu. Ich musste ins Krankenhaus und wurde operiert. Eigentlich sollte ich nach der OP erstmal nicht aufstehen aber gleich in der ersten Nacht bin ich wieder aufgestanden und bin wieder gefallen.

Mein Gesicht ist von Blutergüssen überseht. Damit ich nicht wieder aufstehe, haben sie mich ans Bett „gebunden“ und das Bettgitter hochgezogen. Beruhigungsmittel bekomme ich auch, weil ich ständig an dem Bettgitter rüttele und laut um Hilfe rufe.

Wie es weiter gehen soll, weiß ich nicht. Darüber nachdenken kann ich auch nicht.

Ich erlebe den Moment und rufe um Hilfe, weil ich mich nicht frei bewegen kann.

Quelle Beitragsbild: bilderstoeckchen/Dollarphotoclub.com

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