Musik als Schlüssel zu Erinnerungen und Emotionen
Musikgeragogik ist ein interdisziplinäres Feld, das Musikpädagogik und Geriatrie verbindet, um durch Musik die Lebensqualität, kognitive Fähigkeiten und soziale Teilhabe älterer Menschen zu fördern, was durch Singen, Musizieren, Bewegung, Gedächtnistraining und Biografiearbeit erreicht wird.
In unserem heutigen Blogbeitrag sprechen wir mit Nora, unserer Musikgeragogin aus dem Wohn- und Pflegeheim Kaiserslautern über ihren Weg zu uns, ihre Erfahrungen und wie sie die Zukunft der Musikgeragogik sieht. Oft an Noras Seite: Lotta – kaum zu übersehen, begleitet dieser riesige Leonberger-Wuschel Frauchens‘ Angebote mit Ruhe und Gelassenheit und bekommt dafür viele Streicheleinheiten extra. 🙂
Wie alles begann: Noras Weg zu uns
Wie bist du zur Musikeragogik gekommen?
Ich bin eigentlich Grundschullehrerin für Musik und Kunst. Als meine Schwiegermutter hier im Haus gewohnt hat und die Demenz Gespräche schwierig gemacht hat, bin ich öfter dazu gegangen, wenn Musik gemacht wurde. So habe ich das Berufsbild kennengelernt. Eine Kollegin hat mir dann auch mal die Gitarre in die Hand gedrückt und ich habe einfach mitgemacht. Irgendwann dachte ich: Das könnte ich auch beruflich machen und mich bewerben.
Wie können wir uns den Weg hin zur Musikgeragogin vorstellen?
Das war eine Weiterbildung über anderthalb Jahre mit Wochenendmodulen an der FH Münster. Angestellt bin ich seit 2013, richtig als Musikgeragogin arbeite ich seit 2015 – also inzwischen ungefähr zehn Jahre.
Wenn Musik Türen öffnet: Erinnerungen, Gefühle und echte Nähe
Was macht dir an der Arbeit am meisten Freude?
Vor allem die Begegnung mit den Menschen. Über Musik kann man total schnell andocken, ohne dass man jemanden vorher lange kennen muss.
Wie reagieren unser Bewohner*innen auf Musik?
Manche reagieren sofort auf Melodien. Ich habe bspw. „Meine Wiege stand im Böhmerwald“ gesungen, da hab ich bei einer Bewohnerin plötzlich gemerkt, da bewegt sich was, sie war sehr emotional. Da hat sie auch zum Teil angefangen zu weinen. Und dann habe ich sie versucht, darauf anzusprechen und sie hat direkt angefangen zu erzählen. Das ist das Schöne daran. Musik ruft Erinnerungen wach, oft aus der Zeit, die Menschen besonders geprägt hat, also ungefähr zwischen 15 und 25 Jahren. Bei der älteren Generation sind das häufig Volkslieder und Schlager.
Gibt es auch negative Momente?
Meistens wirkt Musik positiv. Aber es kann auch sehr intensiv sein. Bei einem Konzert mit alpenländischer Musik ist eine Frau nach wenigen Takten aufgestanden und sagte: „Ich halte das nicht aus, ich muss raus.“ Sie hatte starkes Heimweh und musste kurz für sich sein, ist in eine Ecke unseres Foyers gegangen, hat dort kurz geweint und kam dann wieder und meinte „Jetzt ist alles wieder gut“. Wichtig ist, dass man dann reagieren kann und die Person nicht in der Situation „stecken bleibt“.
Musik im Alltag: Mit Herz, Struktur und viel Gefühl für die Gruppe
Wenn Du in die Wohnbereiche gehst, hast Du dann ein bestimmtes (saisonales) Programm? Bereitest Du das vor?
Ich bereite mich immer vor, auch wenn es nur ist: Heute nehme ich dieses Liederbuch oder ich mache ein Wunschkonzert. Ein Plan gibt Sicherheit, und trotzdem kann ich spontan auf die Gruppe reagieren. Ich muss einen Plan haben, ich bin auch so strukturiert, aber ich glaube, das ist auch fair den Leuten gegenüber. Und ich habe auch immer mehr Material dabei, als ich wirklich brauche. 😉
Welche Instrumente nutzt du am meisten?
Im Wohnbereich meistens das Akkordeon, weil die Melodie immer da ist und man nicht so kräftig singen muss. Außerdem verbinden viele damit positive Erinnerungen. Das hab ich extra für meine Arbeit hier gelernt. Ich spiele eigentlich Klavier und Gitarre. Bei den Gottesdiensten spiele ich Klavier und in meinen verschiedenen Angeboten nutze ich Akkordeon oder Gitarre, je nachdem was für mich dann besser passt.
Und wie ist die Stimmung in den Gruppen?
Sehr unterschiedlich. Das hängt vom Wohnbereich, vom Grad der Demenz und von der Zusammensetzung ab. Manchmal muss ich viel Input geben, manchmal läuft es von selbst. Wenn eine Gruppe sehr ruhig ist, gehe ich auch mal mehr auf einzelne Personen ein und setze mich neben sie, dass sie sich besser angesprochen fühlen und mitmachen – und dadurch kommen manchmal andere wieder mit rein.
Welche Angebote machst Du regelmäßig?
Ich bin jede Woche auf jedem Wohnbereich, dazu gibt es einen großen Singkreis im Foyer oder bei gutem Wetter auch mal im Garten, Musik und Bewegung und feste Gruppen wie die Tischharfen-Gruppe. Gerade da machen auch Menschen mit, die sonst kaum Angebote annehmen – und manche sagen sogar: „Das ist die schönste Stunde der Woche.“ Da passiert auch viel untereinander. Da fangen sie an, miteinander zu sprechen und zu lachen – einfach eine schöne Stimmung.
Ein Blick nach vorn: Warum Musikeragogik Zukunft hat
Wie siehst Du die Zukunft der Musikgeragogik?
Musikeragogik ist nicht an ein Genre oder ein Instrument gebunden – es geht um Musik allgemein. Der Geschmack ändert sich von Generation zu Generation, aber Musik bleibt. Man kann auch modern arbeiten, mit Videos oder Technik.
Das hat auf jeden Fall Zukunft.
Vielen Dank Nora für Deine Zeit und Deine offenen Worte!
Im zweiten Teil über das Thema Musikgeragogik erfahren wir von Stephan unserem Musiker aus dem Seniorenhaus wie er das Thema sieht und welche Erlebnisse er bisher sammeln durfte.